Google hat eine der größten strukturellen Veränderungen seiner Werbeplattform der letzten Jahre angekündigt: Dynamic Search Ads werden abgeschafft. Ab September 2026 migriert Google alle betroffenen Kampagnen automatisch auf AI Max – das KI-gesteuerte Nachfolgesystem. Werbetreibende, die nicht rechtzeitig handeln, verlieren die Kontrolle über den Umstieg.
Das Ende einer Ära: DSA wird eingestellt
Am 15. April 2026 gab Google offiziell bekannt, was viele in der Branche bereits erwartet hatten: Dynamic Search Ads (DSA) werden als eigenständiges Kampagnenformat eingestellt. AI Max für Search-Kampagnen verlässt gleichzeitig die Beta-Phase – nach elf Monaten Testbetrieb mit „hunderttausenden“ Werbetreibenden weltweit, wie Google selbst angibt.
Drei Legacy-Formate sind von der Umstellung betroffen:
- Dynamic Search Ads (DSA) – das bisherige Catch-all-Format für Traffic jenseits der Keyword-Listen
- Automatically Created Assets (ACA) – Googles bisheriges System zur automatischen Generierung von Anzeigentexten
- Campaign-Level Broad Match Settings – die Option, Broad Match kampagnenweit auf alle Keywords anzuwenden
Brandon Ervin, Director of Product Management bei Google Ads, begründet den Schritt: Das Suchverhalten der Nutzer sei „deutlich dynamischer, komplexer und unvorhersehbarer“ geworden. Eine rein auf Landing-Page-Daten basierende Steuerung reiche nicht mehr aus.
Was genau ist AI Max?
AI Max ist Googles KI-gesteuertes Kampagnensystem für die Suche. Während DSA primär Website-Inhalte nutzte, um Headlines zu generieren und Nutzer auf relevante Seiten zu leiten, geht AI Max deutlich weiter: Das System kombiniert Advertiser-Input – Website-Inhalte, Keywords und Creative Assets – mit Echtzeit-Intent-Signalen, um Anzeigen für komplexere Suchanfragen auszuspielen.
Drei Kernfunktionen bilden das Fundament:
- Search Term Matching: KI-gesteuerte Erweiterung der Suchbegriffe über die hinterlegten Keywords hinaus
- Text Customization: Automatische Anpassung und Generierung von Anzeigentexten
- Final URL Expansion: Dynamische Auswahl der Zielseite basierend auf Intent-Signalen
Google verspricht durchschnittlich 7 Prozent mehr Conversions oder Conversion-Wert bei vergleichbarem CPA/ROAS – allerdings nur im Vergleich zur alleinigen Nutzung von Search Term Matching, nicht im direkten Vergleich zu DSA. Dieser Unterschied ist für die Bewertung der Zahlen wichtig.
Der Fahrplan: Zwei Phasen bis September
Die Migration erfolgt in zwei Phasen:
Phase 1 – Freiwillige Migration (ab sofort): Google stellt Upgrade-Tools bereit, mit denen DSA-Nutzer ihre historischen Einstellungen und Daten in neue Standard-Anzeigengruppen überführen können. ACA- und Broad-Match-Nutzer sehen Pop-up-Banner in der Google-Ads-Oberfläche.
Phase 2 – Automatische Migration (ab September): Alle verbleibenden berechtigten Kampagnen werden automatisch umgestellt. Ab diesem Zeitpunkt können keine neuen DSA-Kampagnen mehr über Google Ads, den Google Ads Editor oder die Google Ads API erstellt werden. Google erwartet, dass alle Migrationen bis Ende September abgeschlossen sind.
Wichtig: Die standardmäßig aktivierten Funktionen unterscheiden sich je nach Legacy-Format:
- DSA-Nutzer: Alle drei AI-Max-Funktionen werden aktiviert (Search Term Matching, Text Customization, Final URL Expansion)
- ACA-Nutzer: Zwei Funktionen werden aktiviert (Search Term Matching und Text Customization)
- Broad-Match-Nutzer: Nur Search Term Matching wird aktiviert
Ein formelles Opt-out gibt es nicht. Die Migration ist verpflichtend.
Die Frist ist knapp: Nur 5,5 Monate
Was Agenturen und Marketing-Teams besonders unter Druck setzt: Die Zeitspanne zwischen Ankündigung und erzwungenem Upgrade beträgt nur rund 5,5 Monate. Zum Vergleich: Bei der Smart-Shopping-zu-Performance-Max-Migration 2022 hatten Werbetreibende neun Monate Zeit. Das entspricht 40 Prozent weniger Vorlaufzeit – bei einem vergleichbar tiefgreifenden Systemwechsel.
Chancen: Was AI Max besser macht als DSA
AI Max bietet gegenüber DSA durchaus substanzielle Verbesserungen:
- Brand Controls und Location Controls: Steuerungsmöglichkeiten für Markennamen und Standorte, die DSA nicht hatte
- Text Guidelines: Bis zu 25 Begriffsausschlüsse und 40 Messaging-Einschränkungen, die das KI-generierte Creative steuern
- Verbessertes Reporting: Channel-Level-Daten und Asset-Level-Segmentierung – eine Reaktion auf die Transparenzkritik an Performance Max
Unabhängige Tests zeigen teils deutlich positive Ergebnisse: Die Agentur SMEC berichtet von 13 Prozent mehr Umsatz bei 16 Prozent höherem CPA. Brainlabs verzeichnete eine um 40 Prozent höhere Erfolgsrate. Und Google selbst positioniert AI Max als „Power Pack“ zusammen mit Performance Max und Demand Gen als die drei zentralen Kampagnentypen der Zukunft.
Risiken: Wo Vorsicht geboten ist
Die Umstellung birgt jedoch auch erhebliche Risiken, die Marketing-Entscheider nicht ignorieren sollten:
- Breiteres Query-Matching: AI Max castet ein deutlich breiteres Netz als DSA. Ohne saubere Negative-Keyword-Strategie droht erheblicher Streuverlust.
- Inkonsistente Performance: In einem dokumentierten Testfall der Agentur Monks generierten 99 Prozent der AI-Max-Suchbegriffe null Conversions.
- Budgetverschwendung: Berichte zeigen bis zu 15 Prozent Spending-Ineffizienz durch irrelevante Query-Matches trotz versprochener Reichweitengewinne.
- Lernphasen: Ein bis zwei Wochen mit Performance-Einbrüchen und erhöhten Kosten sind nach der Umstellung normal.
- Technische Komplikationen: API-Fehler beim Aktivieren oder Deaktivieren von AI Max sind dokumentiert, besonders bei Konten mit hohem DSA-Anteil.
Brandon Ervin räumt ein: „Wenn es gut läuft, werden wir mit dem automatischen Upgrade wahrscheinlich fortfahren. Und wenn wir negatives Feedback bekommen, müssen wir realistisch sein und darauf hören.“
Der größere Kontext: Googles KI-Offensive
Die DSA-Abschaffung ist kein isoliertes Ereignis. Sie fügt sich in Googles konsequente Strategie ein, Legacy-Kampagnenformate durch automatisierte Systeme zu ersetzen – von Universal App Campaigns (2015) über Smart Shopping bis Performance Max (2020). Jedes neue Format übernahm mehr Targeting-, Bidding- und Creative-Entscheidungen, die Werbetreibende zuvor manuell steuerten.
Gleichzeitig verändert sich die Suchlandschaft grundlegend:
- AI Overviews erscheinen bereits bei fast 48 Prozent aller Suchanfragen – ein Anstieg von 58 Prozent im Jahresvergleich.
- Suchanfragen im AI Mode sind laut Google dreimal so lang wie traditionelle Suchen.
- Organische Klicks bei Publishern sind seit der Einführung von AI Overviews um 42 Prozent gefallen.
- Google testet Werbeanzeigen direkt innerhalb von AI Mode.
Parallel dazu baut OpenAI seine Werbeplattform in ChatGPT aus. Die Self-Serve-Tools sollen im April 2026 starten und die bisherige Eintrittsbarriere von 200.000 US-Dollar eliminieren. OpenAI projiziert 2,5 Milliarden Dollar Werbeumsatz für 2026 und bis zu 100 Milliarden jährlich bis 2030.
Die Botschaft für Werbetreibende ist eindeutig: Die Ära der rein manuellen Keyword-Steuerung in der Suchmaschinenwerbung neigt sich dem Ende zu. An ihre Stelle tritt KI-gesteuerte Intent-Erkennung – ob bei Google oder bei den aufstrebenden KI-Plattformen.
Was Marketing-Entscheider jetzt konkret tun sollten
- Bestandsaufnahme durchführen: Alle aktiven DSA-, ACA- und Broad-Match-Kampagnen identifizieren und deren Performance-Beitrag quantifizieren. Unterperformende Kampagnen vor der Migration beenden.
- Freiwillig migrieren – jetzt, nicht im September: Die Upgrade-Tools nutzen, um die Kontrolle über Einstellungen und Konfiguration zu behalten. Wer wartet, bekommt Googles Standard-Setup.
- Negative Keywords rigoros überprüfen: AI Max matcht breiter als DSA. Die Ausschlusslisten müssen entsprechend erweitert werden, um Streuverluste zu minimieren.
- Brand Controls und Text Guidelines einrichten: Die neuen Steuerungsmöglichkeiten aktiv nutzen – bis zu 25 Begriffsausschlüsse und 40 Messaging-Einschränkungen definieren.
- A/B-Tests vor dem Vollumstieg: Googles eigene Experiment-Tools nutzen, um AI Max gegen die bestehende Konfiguration zu testen.
- Budget-Puffer einplanen: Lernphasen von ein bis zwei Wochen mit temporären Performance-Schwankungen einkalkulieren – idealerweise nicht direkt vor dem Weihnachtsgeschäft.
- Reporting-Strukturen anpassen: Die neuen Channel-Level- und Asset-Level-Reports von Anfang an nutzen, um Transparenz über die KI-Entscheidungen zu gewinnen.
Fazit: Kontrolle behalten heißt früh handeln
Googles Abschied von Dynamic Search Ads ist mehr als ein technisches Upgrade – es ist ein Paradigmenwechsel in der Suchmaschinenwerbung. Die Plattform bewegt sich unumkehrbar von der Keyword-basierten zur Intent-basierten Auktion. Werbetreibende, die diesen Wandel aktiv gestalten statt passiv hinnehmen, können von besseren Controls und potenziell höherer Performance profitieren. Wer hingegen bis September wartet, riskiert genau in der heißesten Phase des Jahres – kurz vor dem Holiday-Geschäft – mit einer unkontrollierten Migration ins Straucheln zu geraten.
Die Empfehlung ist klar: Jetzt migrieren, testen und optimieren – nicht im September unter Zeitdruck reagieren.

