Eine neue Ahrefs-Analyse von 300.000 Keywords zeigt erstmals das Ausmaß des Schadens: Wenn Google eine KI-generierte Antwort über den Suchergebnissen anzeigt, sinkt die Klickrate auf Platz-1-Ergebnisse um 34,5 Prozent. Für den deutschsprachigen Markt kommt diese Erkenntnis zu einem brisanten Zeitpunkt – denn seit dem 26. März sind AI Overviews auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz aktiv.
Was die Ahrefs-Studie konkret zeigt
Der SEO-Toolanbieter Ahrefs hat in einer am 17. April veröffentlichten Studie untersucht, wie sich Googles AI Overviews auf das Klickverhalten der Suchenden auswirken. Das Ergebnis ist eindeutig: Die Präsenz einer KI-generierten Zusammenfassung in den Suchergebnissen korreliert mit einer um 34,5 Prozent niedrigeren durchschnittlichen Klickrate für die bestplatzierte Seite.
Für die Studie analysierte Datenwissenschaftlerin Xibeijia Guan 300.000 Keywords – jeweils 150.000 mit und ohne AI Overviews. Die Klickraten wurden über Google-Search-Console-Daten verglichen: einmal im März 2024 (vor dem US-Rollout der AI Overviews) und einmal im März 2025 (danach).
Konkret sank die durchschnittliche Klickrate für Position 1 bei informationellen Keywords von 0,056 auf 0,031. Bei Keywords, die ein AI Overview auslösen, fiel sie sogar von 0,073 auf 0,026 – ein dramatischer Rückgang, der sich nicht allein durch allgemeine Markttrends erklären lässt.
Ryan Law, Director of Content Marketing bei Ahrefs, kommentierte die Ergebnisse nüchtern: AI Overviews funktionieren ähnlich wie Featured Snippets – sie versuchen, die Suchanfrage direkt zu beantworten, was zu mehr sogenannten Zero-Click-Searches führe. Und obwohl AI Overviews oft Quellenverlinkungen enthalten, seien diese auf so viele verschiedene Links verteilt, dass einzelne Seiten davon kaum profitieren.
Warum das für den DACH-Markt jetzt brandaktuell ist
Google hat AI Overviews am 26. März 2025 offiziell in neun europäischen Ländern eingeführt – darunter Deutschland, Österreich, die Schweiz, Belgien, Italien, Spanien, Portugal, Polen und Irland. In Deutschland sind die KI-Übersichten sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch verfügbar, allerdings zunächst nur für eingeloggte Nutzer ab 18 Jahren.
Die Daten aus dem US-Markt, wo AI Overviews seit Mai 2024 aktiv sind, geben einen Vorgeschmack auf das, was europäische Website-Betreiber erwartet. Sistrix berichtet bereits, dass AI Overviews in Großbritannien mittlerweile bei 18 Prozent der Keywords auftauchen – noch im Februar waren es lediglich 4 Prozent. Im gleichen Zeitraum sind Featured Snippets von 10 auf 4 Prozent zurückgegangen.
Google selbst hatte die EU-Expansion zunächst vorsichtig angegangen. Ein Google-Manager räumte gegenüber Euronews ein, dass die europäische Regulierung – darunter der AI Act, der Digital Services Act und der Digital Markets Act – den Launch innovativer Features verzögere. Die EU sei bei Produktinnovationen im Rückstand, so der Manager.
Die andere Seite: Google widerspricht den Studien
Google hat auf die Ahrefs-Studie reagiert. In einem Statement erklärte eine Sprecherin, die Studien wiesen „grundlegende Mängel in der Methodik“ auf. Das Unternehmen argumentiert, dass AI Overviews neue Möglichkeiten für Nutzer schaffen, sich mit Webinhalten zu verbinden – unter anderem durch mehr Suchanfragen und Links zu einer breiteren Palette von Quellen.
Zudem weist Google darauf hin, dass die Studien nur den Traffic auf die Top-3-Positionen betrachten, was das Gesamtbild verzerren könne. Links innerhalb von AI Overviews könnten Seiten aus niedrigeren Rankings mehr Sichtbarkeit verschaffen.
Auch Semrush-Daten liefern ein differenzierteres Bild: Laut einer Analyse von über 10 Millionen Keywords erscheinen AI Overviews häufiger bei Suchanfragen, die ohnehin bereits ein hohes Zero-Click-Verhalten aufwiesen. Die Zero-Click-Rate bei diesen Keywords ist seit Januar 2025 sogar leicht gesunken.
Was das für Marketing-Entscheider bedeutet
Unabhängig davon, welcher Studie man mehr Gewicht beimisst – die Richtung ist eindeutig: Organische Klicks werden in einer Welt mit AI Overviews weniger. Für Marketing-Verantwortliche und SEO-Teams in der DACH-Region ergeben sich daraus konkrete Handlungsfelder:
1. Sichtbarkeit innerhalb der AI Overviews wird zur neuen Währung. Wer als Quelle in der KI-Zusammenfassung zitiert wird, erhält deutlich mehr Klicks als nicht-zitierte Seiten. Seer Interactive hat herausgefunden, dass zitierte Seiten 35 Prozent mehr organische Klicks und 91 Prozent mehr Paid Clicks generieren. Die neue „Position Zero“ ist nicht mehr das Featured Snippet – sondern die AI-Overview-Zitation.
2. Content-Tiefe schlägt Content-Breite. BrightEdge-Daten zeigen, dass 82,5 Prozent der AI-Overview-Zitationen auf sogenannte Deep Pages verweisen – Seiten, die mindestens zwei Klicks von der Startseite entfernt liegen. Nicht die Startseite zählt, sondern spezialisierter, tiefgehender Content.
3. Branded Search wird zum Schutzschild. Keywords mit Markennennung lösen deutlich seltener AI Overviews aus – laut Amsive nur in 4,79 Prozent der Fälle. Und wenn doch, steigt die Klickrate sogar um 18,68 Prozent. Markenbekanntheit ist kein Soft-KPI mehr, sondern ein harter SEO-Faktor.
4. Monitoring anpassen – sofort. Google liefert bislang keine separaten AI-Overview-Daten in der Search Console. Wer die Auswirkungen auf sein eigenes Business verstehen will, muss auf Drittanbieter-Tools wie Ahrefs, Semrush oder Sistrix setzen und seine wichtigsten Keywords regelmäßig manuell prüfen.
5. Diversifikation ist kein Buzzword mehr. Wenn Google zunehmend Antworten liefert, ohne Traffic weiterzuleiten, müssen Unternehmen ihre Abhängigkeit von organischem Suchtraffic reduzieren. Direkter Traffic, Newsletter, Communities und Plattformpräsenz auf YouTube, LinkedIn oder TikTok gewinnen strategisch an Bedeutung.
Der größere Kontext: KI-Suche wird zum neuen Standard
Die Ahrefs-Studie ist nur ein Datenpunkt in einem größeren Bild. Google hat auf der I/O-Konferenz bestätigt, dass AI Overviews mittlerweile mehr als 1,5 Milliarden Nutzer pro Monat erreichen und in über 200 Ländern verfügbar sind. Parallel dazu testet Google im US-Markt bereits Werbeanzeigen innerhalb des neuen „AI Mode“ – einer vollständig konversationellen Suchoberfläche.
Gleichzeitig positioniert sich OpenAI als Konkurrent: ChatGPT hat Ende April Shopping-Funktionen eingeführt, die Produktvergleiche mit Bildern, Preisen und Bewertungen direkt in der Chat-Oberfläche anzeigen – ohne Werbung, rein organisch kuratiert.
Die Botschaft für Marketing-Entscheider ist klar: Die Spielregeln der Suche ändern sich fundamental. Wer weiterhin ausschließlich auf klassisches Ranking-SEO setzt, optimiert für eine Welt, die es in dieser Form bald nicht mehr geben wird. Der Übergang von „Traffic-Optimierung“ zu „Sichtbarkeits-Management“ über alle KI-Plattformen hinweg hat begonnen.
Quellen: Ahrefs Blog (17. April 2025), Search Engine Land, Google Blog, Semrush AI Overviews Study, Seer Interactive CTR-Report, BrightEdge AI Overview Analysis, Euronews, Sistrix.

